© Ingo Pertramer

Vea Kaiser ist 1988 in St. Pölten (Österreich) geboren, sie veröffentlichte 2012 ihren ersten Roman Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam, der Platz 1 der ORF-Bestenliste erreichte und 2013 als bestes deutschsprachiges Debüt am internationalen Festival du Premier Roman in Frankreich ausgezeichnet wurde. 2014 wurde ihr erstes Theaterstück Die Argonauten am Rabenhoftheater Wien uraufgeführt, sie war Writer in Residence an der Bowling Green State University und wurde von den österreichischen Leserinnen und Lesern zur Autorin des Jahres gewählt. 2015 erschien ihr zweiter Roman Makarionissi oder die Insel der Seligen, der auf Anhieb in die Bestsellerlisten einstieg. Wenn sie nicht gerade auf Lesereise durch Europa tourt, studiert Vea Kaiser Altgriechisch in Wien und schreibt samstäglich über ihre Fabelhafte Welt voller tauber Hunde, abenteuerlicher Rezepte, Antike, Fußball, Highheels, Segeln, Kochen, Wahrsagen, einer großen lauten wilden Familie und dem Zauber der Literatur in der Kurier-Freizeit.

Vea Kaiser im Interview

Wie bist du zum Schreiben gekommen bzw. was ist dein literarischer Background?
Einen literarischen Background hatte ich nie wirklich. Ich komm ja aus einem kleinen Dorf in Niederösterreich. Das Längste, was in meiner Familie geschrieben wird, sind die Einkaufszettel für das Wochenende. Aber mir ging es nie um das Schreiben. Bei uns in Österreich gibt’s da so ein Wort, „G’schichtldrucka“, auf Hochdeutsch würde man so etwas wie „Geschichtendrücker“ dazu sagen. Seit ich sprechen und denken kann, sagen eigentlich alle „G’schichtldrucka“ zu mir, das ist so ein scherzhafter Begriff für Menschen, die schelmischer Natur sind und ständig Geschichten erzählen müssen, es teilweise auch mit der Wahrheit nicht so ganz genau nehmen, wenn die Fiktion eine bessere Geschichte draus macht. Man konnte mir als Kind nie etwas glauben, ich musste aus allem eine Geschichte machen.

Fanden das Deine Eltern nicht furchtbar, wenn Du quasi ständig gelogen hast?
Natürlich! Die waren verzweifelt. Ich kam aus der Schule nachhause, meine Mutter fragte, was wir gelernt hätten, ich erzählte vom Mathematikunterricht, der leider in der Mitte unterbrochen werden musste, weil Außerirdische unsere Schule angegriffen hatten und wir uns zur Wehr setzen hatten müssen. Ich weiß noch wie meine Mutter den Kopf schüttelte und fragte: Was soll jemals aus dem Kind werden?

Wolltest Du damals schon Schriftstellerin werden?
Ich weiß nicht, ob ich überhaupt jemals in meinem Leben Schriftstellerin werden wollte. Da, wo ich herkomme, in dem kleinen niederösterreichischen Dorf am Fuße des Wienerwaldes, wo fast alle miteinander verwandt sind und die großen Familien auch 2015 noch untereinander heiraten, gibt es diesen Beruf ja nicht. Und wie gesagt, mir ging es nie um das Schreiben. Ich kann das Am-Schreibtisch-Sitzen und Papier-Vollkritzeln auch nach zwei Büchern noch nicht ausstehen. Man ist einsam, kriegt Rückenweh und schlechte Augen. Meine Hauptzuhörer als Kind waren die Katze, das Kaninchen und der kleine Bruder. Irgendwann wurde der kleine Bruder allerdings größer und fand es viel besser, Bällen hinterher zu jagen, als seiner Schwester zuzuhören, und da Katze und Kaninchen keine Reaktion zeigten, blieb mir wohl nichts anderes mehr übrig, als meine Erzählsucht im Schreiben zu befriedigen.

Aber die Geschichten hättest Du Dir ja auch ausdenken können ohne sie aufzuschreiben, wenn Du das Schreiben nicht magst.
Ja, aber mir geht es nicht nur um die Geschichten. Mir geht es auch um die Zuhörer, bzw. die Leser. Schreiben ist die beste Art und Weise, einem großen Kreis an Menschen Geschichten zu erzählen.

Ich dachte, Schriftsteller schreiben grundsätzlich für sich selber?
Ja, das hab ich auch schon gehört. Das kann ich aber nicht so ganz glauben, bzw. ist es bei mir nicht so. Unlängst hab ich mich an einen Moment erinnert, der vielleicht so etwas wie eine Berufung, ein Zeichen von den Göttern war. Wie gesagt: mein kleiner Bruder war ein wilder, schneller Bursch. Eines Tages rannte er den Gang entlang, rutschte aus und stürzte vornüber auf den Treppenabsatz. Er schlug sich dabei sein ganzes Kinn auf, blutete wie verrückt, heulte, woraufhin meine Mutter in ihrer Panik nicht auf die Rettung warten wollte, sondern uns Kinder (ich war damals acht, er war vier) auf die Rückbank setzte, mir ein Handtuch gab, mit dem ich die Blutung stillen sollte, und in ihrem kleinen Peugeot mit uns ins Krankenhaus raste. Die Fahrt dauerte damals eine halbe Stunde, und ich begann aus Verzweiflung, meinem Bruder eine Geschichte zu erzählen. Plötzlich wurde er ganz ruhig, hörte auf zu weinen, vergaß, dass er verletzt war, vergaß seine Schmerzen, achtete nicht mehr darauf, dass sein ganzer Pyjama voller Blut war, sondern hörte mir einfach nur zu. Zu merken, welche Kraft Geschichten haben, das war wie Magie.

Warst Du eine gute Schülerin? Du hattest doch sicher gute Noten in Deutsch, wenn du schon so früh zu schreiben begonnen hast?
Ich fühlte mich in der Schule grundsätzlich unterfordert. Mein Rekord war, eine zweistündige Latein-Schularbeit in 7 Minuten 45 Sekunden fertig zu haben. In Deutsch war ich immer die Letzte, die abgegeben hat, weil ich nie aufhören konnte zu schreiben. Meine Maturaarbeit hatte 17 Seiten. Ich habe aber meine Arbeiten in Deutsch nie durchgelesen und bekam wegen der Rechtschreibfehler kaum je ein „Sehr Gut“. Durch Extra-Punkte für Inhalt und Ausdruck rettete ich mich meistens auf ein „Gut“, nur bei der Matura ging das System nicht auf: Da war Deutsch meine schlechteste Note.

Das klingt ja fast, als würdest Du beim Schreiben in einen Trancezustand geraten. Es gibt ja dieses Bild vom Schriftsteller, der Zeit und Raum vergisst.
Ja, ein bisschen, manchmal, aber ich finde es nicht gut. Ich versuche sogar zu verhindern, dass ich jetzt, wo ich quasi erwachsen bin, in diese Schreib-Trancen verfalle. Ich hab im Laufe der Jahre gelernt, dass da einfach nichts Gutes rauskommt, wenn man in so einen Schreibfluss gerät. Im Gegenteil: Die besten Texte sind die, über die der Autor lange nachgedacht hat. Nicht die, die wie Durchfall ins Leben schießen.

Daniel Kehlmann hat einmal erzählt, wenn er an einem Buch arbeitet, schreibt er nicht mehr als eine Seite pro Tag. Machst du das auch so?
Ich wünschte, ich könnte mich so dermaßen zurückhalten. Ich schreibe sehr schnell und sehr viel, und verwerfe das meiste wieder, überarbeite, stelle um. Aber kein copy and paste! Das ist verboten, ich finde, das zerstört den Stil. Wenn ich was wegwerfe, schreibe ich alles neu. Völlige Sisyphos-Arbeit, aber ich kann es leider nicht besser. Ich glaube, Schriftsteller kann man in Hasen und Igel aufteilen – angelehnt an die Geschichte, in der Hase und Igel ein Wettrennen machen: Der Hase düst los, rennt dreißig Runden und kommt am Ende zur selben Zeit im Ziel an wie der Igel, der langsam, Schritt für Schritt vorwärts getapst ist.

Kennst Du so etwas wie Schreibhemmung?
Ich glaube nicht an die Schreibkrise. Schreiben geht immer. Nur einmal hatte ich so massiven Liebeskummer, dass ich nicht mehr in der Lage war, an etwas anderes zu denken als an meinen Schmerz. Monatelang. Dann schrieb ich an dem Theaterstück, „Die Argonauten“, das funktionierte besser, weil ich mit anderen Menschen arbeiten konnte. Aber ganz allein vor dem weißen Blatt zu Hause hocken, das ging einfach nicht, weil der Kopf und das Herz ganz woanders waren.

Hast Du manchmal Angst, dass Dich die Eingebung verlassen könnte?
Um die Eingebung mache ich mir gar keine Sorgen, weil ich sieben Romane im Kopf habe. Aber wer weiß, ob nicht einmal die Lust am Schreiben weg ist. In wirklich intensiven Schreibphasen kann ich mich nicht mit der Realität auseinandersetzen. Da ist es schon ein massiver Kraftaufwand, mit dem Lift ins Erdgeschoss zu fahren und in den Supermarkt zu gehen. Da wird die Realität surreal. Es ist durchaus möglich, dass ich dieses Herumspinnen eines Tages nicht mehr aushalte, dass ich irgendwann ganz in der Realität leben will. Ich habe beschlossen, 2016 eine Auszeit zu nehmen.

Eine Pause vom Schreiben?
Vom Schreiben nicht. Ich bin ja Süchtlerin. Aber eine Pause vom Literaturbetrieb. Ich mache ein Jahr keine Lesungen und keine öffentlichen Auftritte. Mein Hauptziel ist es, mein Altgriechisch-Studium fertig zu machen.

Du hast ja in den letzten drei Jahren fast 200 Lesungen absolviert. Machen öffentliche Auftritte nicht süchtig nach der Bewunderung des Publikums?
Die gibt es ja nicht immer. Liest man in Städten wie Berlin, wird man oft mit strengen Blicken beobachtet. Und bei Schullesungen spürt man bei manchen Klassen, dass die einen fertigmachen wollen. Etwa, wenn Schüler fragen: „Wer bist du schon? Wie ist das, wenn man berühmt ist? Glaubst du, dass du etwas Besseres bist?“ Aber ich mag solche Herausforderungen.

Ja, wie ist das denn, berühmt zu sein?
Das große Privileg ist, dass meine Anliegen gehört werden, wie mein Kampf gegen den Onlineversand-Händler Amazon, mein Kampf für die lokalen Buchhandlungen. Im Privatleben hat Bekanntheit auch Nachteile. Ich kann niemanden kennen lernen, der mich vor der ersten Verabredung nicht schon gegoogelt hat. Einmal habe ich die Dating-App „Tinder“ ausprobiert. Damit löste ich die Schuld für eine verlorene Wette ein. Ich habe mich unter falschem Namen registriert. Das war eine richtige Befreiung. Mein Date erzählte von seinem Studium an der Universität für Bodenkultur und ich, dass ich Altgriechisch studierte. Nur vom Nebentisch im Café hörte ich es murmeln: „Das ist doch diese Schriftstellerin.“

Du hast mit nur 23 Jahren „Blasmusikpop“ auf den Markt gebracht. Vom einen Tag auf den anderen wurde aus der Wiener Altgriechisch-Studentin eine Bestseller-Autorin, die in allen Talkshows zu sehen war. Hast Du durch den Erfolg mehr Freunde gewonnen oder verloren?
Ich habe gemerkt, was Freundschaft wirklich ist, nämlich, sich in allen Lebenslagen zu unterstützen. Tendenziell ist mein Freundeskreis größer geworden, weil man Menschen in ähnlichen Situationen trifft. Als ich während meines Studiums Thomas Glavinic las, hätte ich nie gedacht, dass der einmal einer meiner besten Freunde wird. Ebenso hab ich einfach durch das Leben im Kulturbetrieb viel mehr Leute mit ähnlichen Interessen kennengelernt, die genauso durchgeknallt sind. Aber die engsten Freunde blieben die engsten. Und ich hab ja Gottseidank eine großartige, laute, wilde niederösterreichicshe Familie, die mich kein bisschen anders behandelt als früher.

Was begegnet Dir öfter: Neid oder Menschen, die an Deinem Erfolg mitnaschen wollen?
Ein paar Freundschaften sind schon zerbrochen. Es gab Menschen, die meldeten sich immer nur dann, wenn sie etwas nicht so Positives über mich im Internet gefunden hatten.

Verletzen Verrisse?
Wenn sie begründet sind nicht, dann finde ich sie interessant. Was mich wahnsinnig verletzt, ist, wenn ich merke, dass jemand mein Buch gar nicht gelesen hat. Ich habe drei Jahre daran gearbeitet, da könnte sich der Rezensent schon die angemessene Zeit für die Lektüre nehmen! Der kriegt immerhin Geld dafür. Aber grundsätzlich lese ich keine Rezensionen, auch keine guten, weil ich nicht sehr gut damit umgehen kann. Seit ich das so handhabe, lebe ich besser.

Gibt es einen Schriftsteller oder einen Künstler, der Dich auf Deinem Weg besonders inspiriert hat?
Nicht nur einen, sondern drei (ich nenne sie immer meine „Säulenheiligen“, sie haben auch einen eigenen Schrein in meinem Bücherregal, wo es ihnen sehr gut geht): Gabriel García Marquez, den ich für seine Fabulierkunst bewundere, Heimito von Doderer, von dem ich viel über das Konstruieren, Gestalten und Erzählen von Geschichten gelernt hab, und John Irving, dessen Hauptfiguren (die ja meist Schriftsteller sind) mir wahnsinnig viel über das Leben als schreibender Mensch und dessen Höhen wie Tiefen beigebracht haben.

Wie und wo findest Du Inspiration?
Gar nicht – wenn ich Glück habe, dann findet die Inspiration mich. Ich wünschte, ich könnte sie suchen, aber alles was ich machen kann, ist, mich jeden Tag vor das leere Blatt zu setzen und zu hoffen, dass die Inspiration gute Laune hat und zu mir kommt. Joggen gehen hilft ein bisschen, aber grundsätzlich kommt die Inspiration immer in den ungeeignetsten Momenten, wenn man zum Beispiel lieber mit Freunden Bier trinken oder die neueste Folge Game of Thrones schauen würde.

Game of Thrones? Ich dachte, Du bist so stolz, keinen Fernseher zu haben?
Ich hab auch keinen, aber mein kleines sündiges Vergnügen sind tatsächlich amerikanische Serien. Die sind einfach vom Story-Telling so großartig gemacht! Gossip Girl, Breaking Bad, Weeds, Entourage, Californication, Game of Thrones: ich liebe sowas! Das sind die wahren guten griechischen Tragödien, denn in allen gilt Aristoteles’ Postulat: der tragische Held zerbricht an den Früchten seiner Tat.

Stichwort Tragödie. Du hast einmal gesagt: „Ich schreibe aus dem Glücklichsein heraus“. Glaubst Du als Autorin nicht an die Magie der Traurigkeit?
Diesen Satz habe ich vor vier Jahren fallen lassen. Heute würde ich das nicht mehr sagen. Ich bin ja noch in einem Alter, wo man jeden Tag irrsinnig viel dazulernt, von all den schönen und schrecklichen Erlebnissen wie Erfahrungen, die mit der Zeit von alleine kommen, ganz zu schweigen.

Hast Du auch das Gefühl, zwischen dem ersten und dem zweiten Roman viel dazugelernt zu haben?
Ohja, und wie. Ich finde, erzähltechnisch kann man da total eine Entwicklung sehen. Alles andere wäre ja seltsam. Klar, der große Georg Büchner war mit 23, als ich Blasmusikpop veröffentlichte, bereits tot. Aber so ein Genius bin ich nicht. Ich lerne noch. Mein Problem sind ja die ständigen Selbstzweifel. Zufriedensein mit meinen Texten ist nicht meine Stärke. Klar, wenn ich fertig bin, bin ich zunächst mal glücklich, und stolz. Aber kurz darauf rumort es im Zwerchfell.

Du leidest an Selbstzweifeln?
Und wie! Aber diese Selbstzweifel sind ein wichtiger Motor beim Schreiben. Eigentlich hätte ich mich nach dem Erfolg von „Blasmusikpop“ entspannt zurücklehnen können. Aber ich bin ein Mensch, der, wenn etwas fertig ist, daran zu zweifeln beginnt. Ich war versessen darauf, ein zweites Buch zu schreiben, weil die Selbstzweifel so arg waren. Das ist auch bei öffentlichen Auftritten so.Du kennst das Klischee, dass jemand nach dem Sex fragt: „Und, war ich gut?“ Das würde mir in keiner Lebenslage einfallen, ich frage nie, ob irgendetwas gefallen hat. Das ist immer meine tiefste Überzeugung: Ich bin nicht gut genug. Dieses fishing for compliments, das ist mir fremd.

Woher kommt das? Wurde Dir in der Kindheit immer vorgehalten, dass Du nicht gut genug gewesen wärst?
Von meiner Familie nicht. Aber wenn man auf dem Land aufwächst, wird man ständig mit anderen verglichen. Und ich war nicht die blonde, blauäugige Lotte, ich war immer schon die viel zu große Schwarzhaarige, die mit den Barbie-Puppen lieber Weltraumeroberung spielt, als Mutter-Vater-Kind. Am unglücklichsten war ich, als ich versuchte, mich anzupassen. Das hat dann dazu geführt, dass ich in der Volksschule nicht reden wollte, ich wollte nur malen und meine Geschichten schreiben. Mein bester und einziger Freund war ebenso unangepasst. Er war, wie man damals sagte, ein halber Tschusch. Aber wir waren beide in unserer Außenseiterrolle vollkommen glücklich.

Warst Du auch als Teenager eine Außenseiterin?
Das änderte sich, als ich in St. Pölten die Schule besuchte. Dort gab es Querdenker. Es war für mich eine totale Befreiung, dass ich dort Altgriechisch belegen durfte und nicht Spanisch und Französisch wie fast alle anderen. Ich hatte immer schon eine Vorliebe für dieses leicht Individuelle, wenn man so will: das Abseitige.

Die Vorliebe führte sogar dazu, dass Du Altgriechisch zu studieren begonnen hast und immer noch studierst. Aber das liegt ja nicht nur daran, dass es ein Orchideenfach ist, sondern du magst es ja auch sehr, oder?
Natürlich! Ich hatte immer das Gefühl, ich lerne im Griechischunterricht mehr als in allen Schulfächern zusammen. Wenn man Griechisch studiert, bekommt man einen Riesenfundus an Erzählungen und Biografien, der einen inspiriert und auf den man zurückgreifen kann. Ich hab mal ganz kurz versucht, „Literarisches Schreiben“ in Hildesheim zu studieren. Nach neun Wochen hab ich beschlossen, es wieder sein zu lassen, denn ich hab gemerkt, dass mir mein Griechisch-Studium für den Charakter wie für’s schreiben tausend Mal mehr bringt als hundert Schreibschulen.

Versteht man die Gegenwart dann noch, wenn man sich in Gedanken auf Schlachtfeldern 700 v. Chr. tummelt?
Wie sagte Thukydides so schön? „Die Geschichte wiederholt sich immer.“ Nehmen wir zum Beispiel die Finanzkrise her. Griechenland ist ja nicht zum ersten Mal pleite, sondern im Laufe seiner Geschichte bloß schon wieder einmal.

Was waren die Gründe für den ersten richtigen Staatsbankrott?
Nun, sie habe bereits in der Antike alle Bodenschätze verbraucht, außerdem war alles viel zu bürokratisch aufgebaut. Demokratie ist eben teuer. Zudem hatten die Griechen auch noch ein viel zu großes Heer. Das Faible fürs Rüstungsbudget ist also auch kein ganz so neues Thema. Und überhaupt: Das Land ist ja schon allein von seiner Struktur her unrentabel und unökonomisch. Lauter Inseln – wie soll man da vernünftig untereinander Handel treiben?

Italien geht es auch nicht besonders gut im Moment, wie hältst Du es mit den Römern?
Die römische Kultur ist absolut unspannend. Sie haben in ihrer Zeit als Imperium keinen einzigen eigenständigen Kunstgegenstand hervorgebracht. Sie waren gute Architekten, ja, aber ansonsten ist alles Römische von den Griechen abgekupfert. Die Römer waren ein kunstloses, dekadentes, kriegerisches Volk. Und in der Literatur gibt es Ovid, ansonsten nichts. Wer bitte liest freiwillig Vergil, wenn man Homer lesen kann?

Eine rhetorische Frage?
Ich hänge halt an den Griechen. Das Tragische ist, dass ich besser Latein als Griechisch kann, weil es eben die einfachere Sprache ist. Und eigentlich ist Latein nach wie vor noch eine lebendige Sprache. In der Medizin, in der Biologie, oder wenn du Priester im Vatikan verführen willst.

Welche Vorurteile gegenüber Philologie-Studentinnen treffen bei Dir zu?
Puh, ich weiß leider gar nicht, welche Vorurteile es so gibt... Aber ich schätze mal: Philologen sind ja Leute, die sich total manisch in Dinge vertiefen, die Wörterbücher lesen, sich merken, wie oft ein Wort von einem Autor verwendet wird, akribisch nach intertextuellen Verweisen suchen und sich total wahnsinnig für Literatur begeistern können. Also das trifft sicher auf mich auch zu, ich kann mich extrem in Dinge reinsteigern – Hunger, Durst, Rückenschmerzen werden dann total egal, Hauptsache diesen einen Satz knacken. Der Grund, mir ein iPhone zu kaufen, war, dass es den „Liddell-Scott-Jones“, das größte und beste Wörterbuch der altgriechischen Sprache, als App gibt. Das hat mein Leben irgendwie schöner gemacht. Ich steh auch total auf Grammatik, und nichts macht mich so stolz, wie wenn ich schwierige Konstruktionen entschlüsseln kann. In Euripides-Tragödien kann ich mich so reinsteigern, dass ich nachher so ergriffen und fertig bin, dass ich einen Schnaps brauche.
Und wenn ich mir das so durchlese, dann trifft wahrscheinlich ein klassisches Philologen-Vorurteil auf mich ganz besonders zu: totaler Nerd.
Aber das sind sicher auch Dinge, die großen Einfluss aufs Schreiben haben. Als Philologe lässt man nicht locker, und ohne diese sture Verbissenheit hätte ich es sicher niemals geschafft, diese zwei Bücher zu 500 und 470 Seiten zu schreiben und immer wieder zu überarbeiten. Auch wenn der Rücken sehr drunter leiden musste. Philologen brauchen Disziplin und Gottseidank haben mir meine Dozenten ganz, ganz, ganz viel davon antrainiert.

Disziplin, würdest Du das auch einem jungen Autor als wichtigsten Tip für’s Schreiben mitgeben?
Mein Mantra, welches in großen Buchstaben über meinem Schreibtisch hängt, heißt: Don’t cry – work! Das find ich unglaublich wichtig. Ein Buch schreibt sich ja nicht von selbst, sondern nur, indem man dranbleibt und nicht nachlässt.

Du bist im Sternzeichen Schütze. Hatte oder hat diese Tatsache irgendeine Bedeutung für Dich? Heißt es nicht von den Schützen, dass sie besonders diszipliniert sind?
Ich muss gestehen, dass ich mich mit Sternzeichen so gar nicht auskenne. Sie sind halt eine lustige Ausrede für kleine Neurosen, so à la: „Sorry fürs Zuspätkommen, ich bin Schütze.“ Fairerweise muss ich aber gestehen, dass ich schon auch daran gedacht hab, dass da irgendwas dahinter sein könnte – ich verliebe mich fast nur in Zwillings-Männer und auch fast alle meine besten Freunde sind entweder im Mai oder August geboren. Und das weiß man ja nicht, wenn man sich kennenlernt.

Schützen gelten ja auch als kreativ und etwas verrückt. Was war das Verrückteste, das Du je getan hast?
Für einen Mann, den ich kaum kannte, um die halbe Welt zu fliegen. Mehrmals.

Du hast ja auch eine ziemliche Leidenschaft für Fußball. Was genau fasziniert Dich daran? Was ist Dein Lieblingsverein und wer Dein bevorzugter Fußballer?
Das ist für mich so ähnlich wie die Frage nach der Liebe. Wieso verliebe ich mich in jemanden? Wieso nicht? Ich häng am Fußball, seit ich denken kann, insbesondere an Rapid Wien. Da war sicher der Opa schuld: den Onkel hat er an die Austria verloren, da hat er sich dann umso größere Mühe gegeben, das Lieblingsenkerl nicht vom rechten Weg abkommen zu lassen.
Aber grundsätzlich ist der Fußball einfach so herrlich menschlich: da ist von der Tragödie bis zur Komödie alles drin. Aus großen Helden werden furchtbare Verlierer, alle Emotionen fließen und anders als das langweilige Skifahren, wo Menschen sich in Torpedos verwandeln, um einen Hang runterzufetzen, hat Fußball eine wahnsinnige Schönheit, individuelle Bewegungsabläufe.

Spielst Du auch Fußball mit Deinem Hund?
I wish I could! Mein kleiner Jack-Russell namens Alma-Zwetschke ist leider von Geburt an taub und daher sehr schreckhaft. Wenn ich versuche, mit ihr Ball zu spielen, glaubt sie immer, ich will sie abschießen und versteckt sich. Abseits dessen ist sie allerdings der treueste und anschmiegsamste Hund der Welt. Ich brauche nicht einmal eine Leine, weil sie mir eh nicht von der Seite weicht. Und bei Lesungen schläft sie mit Vorliebe unter meinem Tisch. Das Klatschen oder Lachen der Leute kriegt sie gar nicht mit.

Zum Abschluss noch: wie stellst Du Dir dein Leben in dreißig Jahren vor?
Regelmäßig Haare färben, mit dem Gewicht kämpfen, endlich sämtliche Stammformen der häufigsten griechischen Verben können, einen Dackel namens Prinz Poldi ausführen, dreizehn Romane geschrieben haben, an meinem ersten Kochbuch arbeiten und mir hoffentlich etwas von meiner Neugier bewahrt haben.

Weiterlesen