07.03.2017 Was ich lese
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Das halbe Jahr 2016 verbrachte ich mit dem Vorsatz, einen kleinen Essay über den größten deutschsprachigen Roman zu verfassen, den ich in jenem Jahr gelesen habe. Egal jedoch wie ich begann, von welcher Seite ich mich näherte, es wollte mir nicht gelingen, dieses Buch in einer zufriedenstellenden Weise zu beschreiben, weil es so voll, so dicht, so „groß“ im besten Sinne ist.
Dieser Roman heißt „Biographie“ und sein Verfasser ist eine der wohl umstrittensten Persönlichkeiten der deutschen Öffentlichkeit: Maxim Biller, in letzter Zeit bekannt als „Scharfrichter“ (nicht mein Vokabel) des Literarischen Quartetts, Essayist, Kolumnist und abseits dessen einer der, meines Erachtens, größten Schriftsteller unserer Zeit.
Ich freute mich sehr, als ich am Donnerstag die ZEIT aus dem Postkasterl zog und ihn am Cover des mir so lieben ZEIT-Magazins entdeckte. „Maxim Biller macht es allen schwer“, begann dieses eigentlich sehr gut geschriebene Porträt. „Maxim Biller macht es allen schwer. Seinen Lesern, den Fernsehzuschauern, seinem Verleger, seinen Freunden – und vor allem sich selbst. Nur nicht seinen Kritikern, die sein Buch ‚Biographie‘ mit Freude verrissen haben.“
So gut ich das Porträt im ZM fand, so vehement widerspreche ich diesem ersten Satz. Maxim Biller macht es seinen Lesern weder schwer noch seinen Kritikern leicht. Jene Kritiker, die „Biographie“ verrissen haben, machten es sich selbst leicht, weil sie dieses Buch nicht als das betrachteten, was es ist, und für seine Leser ist überhaupt gar nichts schwer, denn dieser Roman ist etwas, das man so in deutscher Sprache noch nie gelesen hat. Der „Great German-Jewish-Novel“ des 21. Jahrhunderts, wenn man das Bedürfnis hat, ein Etikett dafür zu finden. Autoren haben immer die Verpflichtung, mit dem, was sie schaffen, zumindest zu versuchen, etwas Neues zu schaffen. Meistens scheitern sie damit, was ok ist, solange der Versuch da ist. Maxim Biller jedoch hat es nicht nur versucht, er hat es auch geschafft. Und das macht es für die Leser so leicht, bei der Lektüre mindestens massive Verblüffung zu erleben, aber bei näherer Bereitschaft vor allem auch eines zu finden, und zwar höchsten Lese-Genuss. Dieser Genuss ist sicherlich nicht billig. Wer eine locker-flockige Lektüre für den Liegestuhl sucht, dem sei bei diesem Roman zur Vorsicht geraten. Wer im Liegestuhl die Ruhe und Konzentration hat, sich auf etwas Neues einzulassen, ganz tief in das Menschliche, in eine Bestandsaufnahme unserer Zeit, der Dinge, die uns treiben und prägen vorzudringen, dem sei Biographie mit innigster Dringlichkeit ans Herz gelegt.
Biographie entzwickelt einen schonungslosen, epischen und grotesk-herrlichen Sog in die Welt der seit ihrer Bar Mizwa verbundenen, besten Freunde Noah und Soli, sowie aller Menschen, Orte und Themen, die mit ihnen zusammenhängen, die sie prägten und umgeben. Die Sinnhaftigkeit darin, die Handlung eines 890-Seiten Romans in 890 Zeichen zusammenzufassen, hat sich mir noch nie erschlossen, daher sei an dieser Stelle auf eine Inhaltsangabe verzichtet (welche ohnehin auf der Verlagshomepage zu finden ist).
Im Deutschlandfunk wurde „Biographie“ als „neobarocke Wunderkammer“ bezeichnet, ein Label, das ich grundsätzlich als passend empfinde, wenn auch die mitschwingende Konnotation, dieser Roman habe irgendetwas mit Barock oder barocker Literatur zu tun, unbedingt negiert werden soll. Nicht eine Erneuerung des üppigen, ausschweifenden, epischen Erzählens scheint Triebfeder zum Entstehen dieser Wunderkammer gewesen zu sein, sondern vielmehr der Versuch, unserer Welt in ihrer Vielschichtigkeit, Geschwindigkeit, Überfülle und Üppigkeit, habhaft zu werden. Dieser Roman dreht sich um Freundschaft, Familie, Sexualität, Perversion, Ruhm, Eitelkeit, Erpressung, Entführung, jüdische Diaspora, Holocaust, Überleben, Weiterleben, Schuld, Spionage im Kalten Krieg, das deutsch-jüdische Verhältnis, dem Wunsch nach Künstlerischem Ausdruck, Identität, Inzest, Ruhelosigkeit, Weltrettung, Sex, Neurosen, Yoga, und legt unser therapeutisches Zeitalter hemmungslos auf die Couch. Er führt von Berlin nach Los Angeles, Tel Aviv, Herzlia Hituach, Hamburg, Südsudan, Russland, Prag, Ungarn, Polen, Ukraine, und das alles in einer phänomenalen Geschwindigkeit und Dichte, die sprachlos macht ohne zu überfordern, weil die Sprache und vor allem der Erzählton so fein geschliffen sind, und weil Maxim Biller es schafft, mit gewissen Bildern, die beiläufig in einem Satz daherrauschen, mehr im Leser auszulösen, mehr zu erzählen, mehr entstehen zu lassen, als manch anderer Autor in einem gesamten Roman vermag. Normalerweise notiere ich mir auf dem Vorsatzpapier eines Buches jene Seiten, wo mir ein Vergleich, Bild, eine Metapher, eine Beschreibung, was auch immer, besonders gut gefielen – bei diesem Roman habe ich darauf verzichtet, da sich beinah auf jeder Seite etwas fand, das zu verzücken vermochte. Was mich aber wenig verwunderte, nachdem ich erfuhr, dass Biller acht Jahre lang an jenem Roman gearbeitet hat, davon zwei Jahre lang für Überarbeitung, Kürzen, Schleifen aufwandte – das allein ist eine beachtliche Leistung, die man in Zeiten der seriellen Roman-Produktion am deutschsprachigen Buchmarkt würdigen muss.
Womit wir wieder auf die teils hämischen Kritiken zu sprechen kämen. Was soll ich sagen? Ich kann das wirklich nicht nachvollziehen. Ohne jemandem etwas unterstellen zu wollen, lasen sich doch etliche der negativen Besprechungen, als habe der oder die Verfasserin noch eine Rechnung offen, als habe er oder sie seit Jahren darauf gewartet, Maxim Biller dafür bestrafen zu dürfen, dass er Maxim Biller ist. Was ich schade finde, denn erstens kann ein Buch wirklich nichts dafür, wem sein Autor irgendwann mal auf den Schlips stieg, und weiters bin ich immer wieder schockiert darüber, wenn Menschen Literatur zu einem Beliebtheitswettbewerb degradieren. Überraschung: die meisten großen Autoren waren schwierige, umstrittene Persönlichkeiten. Ich schätze die Werke von (z.b.) Heimito von Doderer, Thomas Mann, Stefan Zweig wirklich über alle Maßen – würde jedoch keinem meinen Hund zum Aufpassen anvertrauen.
Aber egal.
Vor einem Jahr habe ich mit einer Freundin eine Langzeit-Wette abgeschlossen, dass „Biographie“ einer jener Romane sein wird, die man erst Jahre, Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen so richtig zu würdigen wissen wird. Ich wette eigentlich nur, wenn ich mir sicher bin, die Wette auch zu gewinnen, wobei ich mir in diesem Fall tatsächlich wünschen würde, diese Wette zu verlieren. Denn „Biographie“ ist ein fantastischer Roman, und sicherlich Hauptwerk Billers, wenn man Hauptwerk als die Verdichtung aller zentralen Themen des Werks eines Autors, mit dem Ausdruck der Epoche, verstehen kann.
Für mich war die Lektüre ein Gewinn, ein Genuss. Es hat mich sprachlos gemacht, verzaubert, aber vor allem zutiefst beeindruckt. Ich halte dieses Buch grundsätzlich für einen großen Gewinn für die deutschsprachige Literatur, weil es Grenzen sprengt, Neues wagt, die deutsche Sprache weiterentwickelt und dabei eine Geschichte erzählt, die so grotesk, witzig, melancholisch, wild, verstörend, mitreißend, traurig und im besten Sinne wahnsinnig ist, dass sie vor allem eines ist: schonungslos ehrlich und in ihrer aberwitzigen Verdichtung sehr wahr.

  • Maxim Biller, Biographie (Kiepenheuer & Witsch, 2016)
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Vea Kaiser ist 1988 in St. Pölten (Österreich) geboren, sie veröffentlichte 2012 ihren ersten Roman Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Be… weiterlesen

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